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21.11.2017 -

Übergabe des Dublin-Appells an den Bundesrat

Anlässlich des internationalen Kinderrechtstages haben Amnesty International, die Schweizerische Flüchtlingshilfe, Solidarité sans frontières, Droit de rester Neuchâtel, Collectif R und Solidarité Tattes gemeinsam dem Bundesrat den nationalen Appell gegen die sture Anwendung der Dublin-Verordnung überreicht.

 

Medienkonferenz zum Dublin-Appell, Bern, 20. November 2017

 

Schweizerische Gesellschaft für Pädiatrie - SGP

Schweizerische Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -Psychotherapie - SGKJPP

Schweizerische Gesellschaft für Kinderchirurgie - SGKC

 

Die drei Schweizerischen Gesellschaften von Ärzten, die Kinder und Jugendliche behandeln, berufen sich auf Art. 24 der UNO-Kinderrechtskonvention (KRK), die das Recht auf den bestmöglichen Gesundheitszustand und auf Nutzung von Gesundheitswesen und Bildungssystemen garantiert. Die Konvention formalisiert die Verbindung zwischen der Gesundheit der Kinder und der gesellschaftlichen Verantwortung, insbesondere Art. 3, der das übergeordnete Interesse des Kindes unterstreicht, und Art. 12, der die Teilhabe und das Recht des Kindes auf Gehör bei allen das Kind berührenden ärztlichen Entscheidungen gewährleistet.

Die Mehrheit der Kinderärzte und Kinder- und Jugendpsychiater und in bestimmten Fällen der Kinderchirurgen behandelt die Familien der Asylbewerber und manchmal unbegleitete Minderjährige. Zahlreiche von uns haben in ihren Sprechstunden „Dublin-Familien", deren rechtliche Lage negative Auswirkungen sowohl auf die Entwicklung als auch auf die Gesundheit des Kindes hat. Zu den wesentlichen Schutzfaktoren für einen Minderjährigen gehören die Anwesenheit der Eltern, der Zugang zu sozialer Unterstützung, Ausbildung und Arbeit, der Kontakt mit der Familie im Herkunftsland, die Ausübung der eigenen Religion, die selektive Vermeidung bedrückender und schwieriger Gedanken und Erinnerungen und die Möglichkeit, die Hoffnung zu bewahren. Jeder dieser Faktoren ist durch die sture Anwendung der Dublin-Verordnung bedroht.

Wir verfügen über wenige vertrauenswürdige und wissenschaftlich untermauerte Daten zu Gesundheitsproblemen minderjähriger AsylbewerberInnen. Wir wissen hingegen, dass sie ein erhöhtes psychisches Gesundheitsrisiko haben, was bei den begleiteten oder unbegleiteten „Dublin-Minderjährigen" umso mehr zutrifft. Im Bereich der psychischen Gesundheit äussert sich dies am häufigsten durch posttraumatische Stresssymptome, Depressionen oder Angststörungen. Oft äussern sich diese wesentlich oder sogar ausschliesslich durch körperliche Symptome. Zusätzlich zu den im Herkunftsland erlittenen Traumata erzählen die Betroffenen von harten Prüfungen, die sie auf der Flucht erlebt haben. Schliesslich haben die Lebensbedingungen in den Aufnahmeländern einen grossen Einfluss auf die Gesundheit, wobei es oft zu einer Verschlechterung kommt. Dies trifft auch auf die Schweiz zu.

Aus unserer Betreuung der Kinder und Jugendlichen, welche Asylbewerber und von der Dublin-Verordnung betroffen sind, ergeben sich folgende fundamentale Forderungen zur Absicherung der ordentlichen Entwicklung und Betreuung des Kindes:

  • Die Deckung der wesentlichen humanitären Anforderungen bleibt vorrangig: Sicherheit, Menschenwürde, Schutz vor Diskriminierung, Recht auf Bildung.
  • Wir unterstützen einen ganzheitlichen Ansatz für die Gesundheit und die Fortführung der Betreuung aller Kinder und Jugendlichen.
  • Der spezifische Bedarf der Kinder mit einer chronischen Krankheit oder Behinderung muss berücksichtigt werden. Die Koordination und Fortführung der „Behandlungskette" sind dabei besonders wichtig. Jede Unterbrechung kann schädliche Folgen für die Entwicklung des Kindes und seine Gesundheit haben.
  • Die Kinder und Jugendlichen brauchen eine Umgebung und Unterbringung, die ihre Entwicklung begünstigen: keine Trennung von den Familien, Bevorzugung der Verbindungen mit Familienmitgliedern mit Wohnsitz in der Schweiz, grösstmögliche Achtung vor der Privatsphäre der Familie und vor der Intimität, Gewährleistung von Spiel- und Einschulungsmöglichkeiten, Begegnungsmöglichkeiten für die jungen Menschen, getrennt von unbekannten Erwachsenen.
  • Es wäre für die Betreuungskräfte gut, wenn das Staatssekretariat für Migration Statistiken zur Anzahl der (begleiteten oder unbegleiteten) Minderjährigen, die von der Anwendung der Dublin-Verordnung und einem Rückweisungsverfahren betroffen sind, zur Verfügung stellen würde.

Die Gesundheit der Kinder ist nicht nur ein klinisches, sondern auch ein politisches Problem.

 

Autoren:

Dr. Yvon Heller, Kinderarzt

Dr. Hélène Beutler, Ko-Vorsitzende SGKJPP

Dr. Nicole Pellaud, ausscheidende Vorsitzende SGP